Trennungsängste bei Kindern: Wenn Abschiede und Übergänge schwerfallen
Warum Abschiede gerade in Zeiten des Wandels schwerfallen können – und wie du dein Kind liebevoll durch diese Übergänge begleitest.
Dein Kind weint beim Abschied von Kita oder Schule? Erfahre, warum Trennungen schwerfallen können und wie du dein Kind liebevoll, klar und sicher durch Übergänge begleitest.
„Mama, geh nicht.“
Vielleicht hast du diesen Satz in den letzten Tagen wieder öfter gehört.
Die Ferien sind vorbei, die Kita hat wieder angefangen oder der erste Schultag liegt gerade hinter euch. Und plötzlich ist der Abschied morgens wieder schwierig.
Dein Kind klammert sich an dich. Es weint. Vielleicht möchte es überhaupt nicht loslassen. Vielleicht hast du schon versucht, es zu beruhigen, ihm zu erklären, dass du wiederkommst, oder ihm Mut zu machen. Und trotzdem fällt der Abschied schwer.
Vielleicht fragst du dich dann: Warum ist das plötzlich wieder so schwierig?
Gerade wenn dein Kind sich vorher eigentlich gut verabschieden konnte, kann das verunsichern. Aber ein schwieriger Abschied bedeutet nicht automatisch, dass etwas schiefgelaufen ist. Manchmal bedeutet er einfach, dass gerade viel Veränderung passiert.
Wenn dein Kind sich nur schwer von dir lösen kann
Kinder reagieren unterschiedlich auf Trennungen. Manche winken kurz und laufen direkt los. Andere brauchen noch eine lange Umarmung. Manche weinen ein paar Minuten, andere möchten schon an der Haustür nicht loslassen.
Und manchmal verändert sich das auch wieder. Ein Kind, das sich vor ein paar Wochen noch problemlos verabschiedet hat, kann plötzlich wieder stärker klammern. Das kann nach Ferien passieren. Bei einem Wechsel in eine neue Gruppe. Beim Start in der Schule. Wenn eine vertraute Bezugsperson nicht mehr da ist. Oder einfach dann, wenn sich im Leben des Kindes gerade einiges verändert.
Das bedeutet nicht automatisch: „Mein Kind ist noch nicht selbstständig genug.“
Und auch nicht: „Ich habe etwas falsch gemacht.“
Vielleicht braucht dein Kind gerade einfach wieder etwas mehr Sicherheit. Denn selbst wenn ein Kind längst weiß, dass Mama oder Papa wiederkommt, kann sich ein Abschied trotzdem schwer anfühlen. Wissen und Gefühl sind schließlich nicht immer dasselbe.
Übergänge können ganz schön viel sein
Wenn wir Erwachsenen an einen neuen Kita- oder Schulstart denken, sehen wir vielleicht vor allem: Neues Schuljahr. Neue Klasse. Neuer Alltag.
Für ein Kind kann sich dahinter viel mehr verbergen.
Ein neuer Raum.
Neue Kinder.
Neue Erwachsene.
Neue Regeln.
Ein anderer Tagesablauf.
Neue Erwartungen.
Vielleicht weiß dein Kind noch nicht genau, was es erwartet. Und selbst wenn es die Einrichtung schon kennt, kann sich nach den Ferien vieles wieder ein bisschen fremd anfühlen. Deshalb ist es manchmal gar nicht nur der Moment, in dem du gehst. Es ist das gesamte Gefühl: „Hier ist gerade vieles anders als vorher.“
Und wenn vieles neu ist, kann die vertraute Nähe von Mama oder Papa plötzlich wieder besonders wichtig werden. Übergänge gibt es schließlich nicht nur morgens an der Kita- oder Schultür. Auch im Familienalltag können Wechsel von einer Situation in die nächste schwierig sein. Wenn du solche Momente bei euch genauer verstehen möchtest, findest du in diesem Artikel weitere Impulse für sanfte Übergänge im Familienalltag.
Vielleicht geht es gar nicht darum, dass dein Kind „nicht loslassen kann“
Wenn dein Kind sich an dich klammert, ist es verständlich, dass du dir wünschst, es würde sich leichter lösen. Aber vielleicht lohnt es sich, für einen Moment einen anderen Blick einzunehmen. Nicht: „Wie bringe ich mein Kind dazu, mich loszulassen?“
Sondern: „Was braucht mein Kind gerade, damit es loslassen kann?“
Vielleicht braucht es noch einmal deine Nähe.
Vielleicht möchte es hören, dass du es verstehst.
Vielleicht möchte es ganz sicher sein, wann du wiederkommst.
Vielleicht ist es traurig.
Vielleicht ist es unsicher.
Vielleicht war einfach alles ein bisschen viel.
Du musst nicht sofort herausfinden, welcher dieser Gründe genau zutrifft. Du kannst erst einmal anerkennen: „Du möchtest gerade, dass ich bleibe. Der Abschied fällt dir schwer.“ Mehr muss es manchmal gar nicht sein.
Wenn dein Kind gerade besonders viel Nähe braucht, findest du in diesem Artikel noch mehr darüber, was hinter Klammern und Anhänglichkeit stecken kann:
Du musst die Angst nicht wegreden
Wenn dein Kind sagt: „Ich will nicht, dass du gehst!“ kommt vielleicht ganz automatisch:
„Aber du brauchst doch keine Angst zu haben.“
Oder:
„Du weißt doch, dass ich wiederkomme.“
Oder:
„Es wird bestimmt ganz toll.“
Wir sagen solche Dinge meistens, weil wir unser Kind beruhigen möchten. Doch manchmal braucht ein Kind nicht zuerst die Erklärung, dass alles gut werden wird. Es braucht jemanden, der versteht, dass es sich gerade nicht gut anfühlt.
Du könntest zum Beispiel sagen: „Du möchtest gerade nicht, dass ich gehe. Das ist schwer für dich.“
Und danach: „Ich gehe trotzdem jetzt. Und nach dem Mittagessen komme ich dich wieder abholen.“
Damit bekommt dein Kind beides: Verständnis für seine Gefühle und Orientierung für das, was passiert.
Ein klarer Abschied kann Sicherheit geben
Wenn ein Abschied schwierig ist, entsteht schnell die Versuchung, ihn möglichst lange hinauszuzögern.
Noch eine Umarmung.
Noch ein Gespräch.
Noch eine Erklärung.
Noch ein „Okay, ich bleibe noch fünf Minuten“.
Und manchmal wird aus einem kurzen Abschied ein langer Kampf.
Ein kleines, wiederkehrendes Abschiedsritual kann deshalb hilfreich sein.
Vielleicht:
- gemeinsam Jacke und Schuhe ausziehen
- eine Umarmung
- ein bestimmter Abschiedssatz
- ein Kuss
- noch einmal winken
- und dann gehst du
Nicht, weil Gefühle schnell verschwinden sollen, sondern weil dein Kind nach und nach erleben darf: Ich kenne diesen Ablauf. Mama geht. Ich bin hier sicher. Und Mama kommt wieder. Das kann mit der Zeit vertrauter werden.

Du musst nicht heimlich verschwinden
Vielleicht hast du schon einmal gedacht:
Wenn ich einfach gehe, während mein Kind gerade abgelenkt ist, muss es wenigstens nicht weinen.
Das ist sehr verständlich. Trotzdem kann ein klarer Abschied für viele Kinder hilfreicher sein als plötzlich festzustellen, dass Mama verschwunden ist. Du kannst dich verabschieden, auch wenn dein Kind dabei weint.
Zum Beispiel: „Ich gehe jetzt. Du bist traurig. Ich weiß. Ich gebe dir noch einen Kuss und dann gehe ich. Nach dem Mittagessen komme ich wieder.“
Das kann sich für dich zunächst hart anfühlen. Denn natürlich möchtest du dein Kind nicht traurig zurücklassen. Aber ein trauriger Abschied ist nicht dasselbe wie ein schlechter Abschied.
„Du bist doch schon groß“ hilft meistens nicht wirklich
Vielleicht kennst du solche Sätze:
„Du bist doch kein Baby mehr.“
„Die anderen schaffen das doch auch.“
„Jetzt sei doch mal mutig.“
„Du brauchst doch keine Angst zu haben.“
Sie sollen Mut machen. Doch ein Kind muss seine Gefühle nicht erst überwinden, um mutig zu sein. Mut kann auch bedeuten:
Ich bin traurig und gehe trotzdem mit.
Ich habe ein bisschen Angst und probiere es trotzdem.
Ich vermisse Mama und kann trotzdem mit den anderen Kindern spielen.
Deshalb darfst du deinem Kind ruhig zutrauen, dass es den Übergang schafft – ohne seine Gefühle kleinzureden. Zum Beispiel: „Ich weiß, dass dir das gerade schwerfällt. Und ich weiß auch, dass du das schaffen kannst.“ Beides darf gleichzeitig wahr sein.
Und wenn mein Kind jeden Morgen weint?
Das ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Fragen für Eltern. Denn wenn dein Kind beim Abschied weint, siehst du vor allem diesen einen Moment.
Du siehst die Tränen.
Das Festhalten.
Den Blick, wenn du gehst.
Und natürlich fragst du dich: Ist das wirklich okay?
Deshalb lohnt sich der Blick auf das, was nach dem Abschied passiert.
Findet dein Kind irgendwann ins Spiel?
Lässt es sich von einer vertrauten Person beruhigen?
Erzählt es später vielleicht sogar von schönen Momenten?
Wird der Abschied nach einigen Tagen oder Wochen allmählich leichter?
Oder bleibt die Angst unverändert sehr stark?
Nicht jeder tränenreiche Abschied bedeutet, dass die Eingewöhnung oder der Schulstart nicht funktioniert. Aber wenn dein Kind über längere Zeit sehr stark leidet, die Kita oder Schule dauerhaft verweigert oder die Angst seinen Alltag deutlich einschränkt, darfst du genauer hinschauen und dir Unterstützung holen. Du musst das nicht allein beurteilen.
Wann wird aus Trennungsangst mehr als ein schwieriger Abschied?
Der Begriff „Trennungsangst“ wird im Alltag schnell verwendet. Dabei sind Tränen, Klammern oder ein schwieriger Abschied zunächst einmal nichts Ungewöhnliches. Von einer behandlungsbedürftigen Trennungsangst spricht man nicht deshalb, weil ein Kind morgens weint. Wichtiger ist das Gesamtbild:
Wie stark ist die Angst?
Wie lange hält sie an?
Wie sehr beeinträchtigt sie dein Kind?
Kann es trotzdem seinen Alltag bewältigen?
Wenn die Angst über längere Zeit sehr stark bleibt und das Leben deines Kindes deutlich einschränkt, ist es sinnvoll, genauer hinzuschauen und sich gegebenenfalls fachliche Unterstützung zu holen. Und auch hier gilt: Du musst nicht erst wissen, ob etwas „normal“ oder „krankhaft“ ist, bevor du dir Unterstützung holen darfst.
Wenn du als Mutter oder Vater merkst, dass dich die Situation zunehmend belastet, darfst du dir ebenfalls jemanden suchen, mit dem du darüber sprechen kannst.

Manchmal ist es gar nicht nur das Kind, das morgens am liebsten festhalten würde. Vielleicht hast auch du einen Kloß im Hals. Vielleicht gehst du aus der Kita oder Schule und musst selbst erst einmal tief durchatmen. Vielleicht denkst du:
Ich weiß doch, dass es gut ist. Aber ich möchte mein Kind trotzdem nicht weinen sehen.
Auch das darf sein. Du musst beim Abschied nicht vollkommen gelassen sein. Du darfst dein Kind vermissen. Du darfst traurig sein, dass eine neue Phase beginnt. Du darfst gleichzeitig stolz sein. Und du darfst dir wünschen, dass dein Kind einen guten Tag hat.
Deine Gefühle machen dich nicht zu einer unsicheren Mutter. Du musst nur nicht die Verantwortung für diese Gefühle bei deinem Kind abladen.
Dein Kind darf merken: Mama ist traurig, dass wir uns trennen. Und Mama vertraut mir trotzdem.
Vielleicht braucht nicht nur dein Kind gerade ein bisschen Sicherheit. Vielleicht merkst du auch bei dir selbst, dass diese Übergangszeit etwas mit dir macht.
Du möchtest für dein Kind da sein, Vertrauen ausstrahlen und gleichzeitig deine eigenen Gefühle nicht wegschieben. Das kann manchmal ganz schön viel sein.
Du musst damit nicht allein bleiben.
In meiner 14-Tage-Begleitung begleite ich dich dabei, wieder mehr bei dir anzukommen, deine Bedürfnisse wahrzunehmen und kleine Schritte zu mehr Ruhe und Verbindung im Familienalltag zu finden – mit einem Workbook, das dich durch die zwei Wochen begleitet.
Zum Schluss
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft für dich und dein Kind:
Dein Kind darf dich vermissen.
Es darf traurig sein, wenn du gehst.
Es darf deine Nähe brauchen.
Und trotzdem darf es Schritt für Schritt selbstständiger werden.
Denn Selbstständigkeit bedeutet nicht, dass ein Kind niemanden mehr braucht. Und eine enge Bindung bedeutet nicht, dass ein Kind sich niemals lösen kann.
Vielleicht ist genau das die Aufgabe dieses neuen Übergangs:
Dein Kind darf erfahren,
Mama geht – und kommt wieder.
Ich darf traurig sein – und bin trotzdem sicher.
Ich kann jemanden vermissen – und trotzdem meinen eigenen Weg gehen.
Du musst deinem Kind den Abschied nicht abnehmen. Du musst ihn auch nicht perfekt gestalten. Vielleicht reicht es, wenn du da bist, wenn es schwer wird, die Gefühle deines Kindes ernst nimmst und ihm gleichzeitig zutraust, seinen nächsten kleinen Schritt zu gehen. Manchmal braucht es eben noch eine etwas längere Umarmung, bevor kleine Hände wieder loslassen können.🌿